Martín Rincón Botero ist ein kolumbianisch-deutscher Komponist und Dirigent mit Sitz in Lübeck. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Harmonik. In seiner Musik wie in seinen Texten versteht er harmonische Stabilität als Ergebnis musikalischer Syntax: Intervalle und Akkorde haben eine eigene Farbe, doch ihre Stabilität und ihre Bedeutung hängen vom Kontext ab, in dem sie erscheinen. Zunehmend beschäftigt er sich mit den Beziehungen zwischen den Grundtönen von Akkorden, die eine harmonische Fortschreitung gespannt oder ruhend wirken lassen können, selbst wenn ihre Akkorde denselben Dissonanzgrad aufweisen. Um dies zu untersuchen, entwickelt er derzeit eine Methode zur Bestimmung von Akkordgrundtönen, die auf Erkenntnissen der Kognitionswissenschaft beruht.

 

Viele seiner Werke greifen zudem Impulse von außerhalb der Konzerttradition auf: Jayme für Flöte und Kontrabass verwandelt das populäre kolumbianische Lied „Jaime Molina“, Brava Sal schöpft aus der Salsa, und Squalos vertont ein eigenes Gedicht in einer Kunstsprache. Andere Stücke gehen von früheren Komponisten wie Orlando di Lasso, Beethoven und Brian Ferneyhough aus oder von der Literatur, etwa Como una luna en el agua nach Julio Cortázar.

 

Seine Musik wurde in Deutschland, Österreich, Kolumbien, Spanien, Polen und den Niederlanden aufgeführt, bei Festivals wie Klangspuren (Graz), Mouvements (Saarbrücken), Unerhörte Musik (Berlin) und Zeitgenossen (Heidenheim), unter anderem von der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken, dem Ensemble Volans, dem Boreas Quartett Bremen, Trompo und dem Gdańskie Trio Stroikowe. 2015 gewann er den Théodore-Gouvy-Kompositionspreis, aus dem ein Kompositionsauftrag der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken hervorging. Er war Finalist beim Internationalen Kompositionswettbewerb Witold Szalonek und beim Kompositionswettbewerb der World Percussion Group und erhielt eine lobende Erwähnung beim Wettbewerb FestiQ-Artetos in Kolumbien.

 

Er studierte Komposition an der Pontificia Universidad Javeriana in Bogotá bei Diego Vega und an der Musikhochschule Lübeck bei Dieter Mack und besuchte Meisterkurse bei Sidney Corbett, Samuel Adler, Sandeep Bhagwati, Rodney Sharman, Arnulf Herrmann, Reiko Fueting und Hèctor Parra. Er ist regelmäßiger Referent bei den Symposien der Internationalen Anders Eliasson Gesellschaft in Wien und Stockholm und hat in der Zeitschrift MusikTexte veröffentlicht.

 

Dirigieren studierte er bei Arturo Tamayo in Lugano und bei Frank Hube in Lübeck und besuchte Meisterkurse bei Martin Sieghart, Ricardo Averbach und Nikolay Lalov. Er arbeitete unter anderem mit dem Philharmonischen Orchester Győr, dem Orquestra de Câmara de Cascais e Oeiras, dem Ensemble 900 und dem LandesJugendEnsemble für Neue Musik Schleswig-Holstein. Sein Dirigieren erwächst aus denselben Anliegen wie sein Komponieren: eine klare Gestik im Dienst der musikalischen Form und der Bedeutung, die Harmonik, Rhythmus und Kontext jedem Moment einer Partitur verleihen.

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